Fachgespräch per Videokonferenz: Aktiv gegen Ausgrenzung der Älteren!

Es sind starke gesellschaftliche Anstrengungen nötig, um die Vereinsamung und Ausgrenzung von älteren Mitmenschen in Corona-Zeiten zu verhindern. In dieser Meinung waren sich alle Teilnehmer eines Fachgesprächs einig, zu dem die Fraktion Jemgum 21 eingeladen hatte. Das Gespräch fand am 20. April 2020 per Videokonferenz statt.

Das Einstiegsreferat hielt Bernhard Sackarendt, 1. Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen des Sozialverbandes Deutschland (SoVD). In seinem Beitrag unterstrich Bernhard Sackarendt, dass die Gefahr der Ausgrenzung der älteren Generation unbedingt gesehen werden muss. Sonst drohe längerfristig eine gesellschaftliche Spaltung, weil ältere Menschen nur noch eingeschränkt am öffentlichen Leben teilnehmen könnten. Sackarendt fordert Solidarität und Engagement ein. Dabei seien staatliche Stellen gefordert, jedoch auch jeder Einzelne wie auch gesellschaftliche Gruppen und Vereine. Er stellte die neueste Aktion des SoVD vor, die unter dem Titel „Helfende Hände“ praktische Vorschläge aufzeige, den sozialen Kontakt zu stärken. Regelmäßige Telefonate gehörten dazu, aber auch die Vermittlung von Kompetenzen in Internet-Telefonie (z.B. per „Skype“) und die Nutzung aller Möglichkeiten des direkten Gesprächs – auch mit Schutzmaßnahmen.

Was Vereine zum Beispiel leisten könnten, zeigte Hildegard Hinderks aus Weener auf, Vorsitzende des SoVD-Kreisverbandes Leer-Emden. Dort habe man sich abgesprochen, täglich Telefonate mit älteren Mitgliedern zu führen, um zu zeigen, dass diese nicht vergessen werden. Walter Eberlei, Ratsmitglied in Jemgum, begrüßte diesen Vorschlag. Wenn alle Vereine sich vornähmen, ganz gezielt und regelmäßig Gespräche mit älteren Mitgliedern zu führen (per Telefon, Internet oder auch mit Abstand an der Haustür), wäre dies sicherlich eine große praktische Hilfe.

Bürgermeister Hans-Peter Heikens legte Zahlen zum Thema vor: In der Gemeinde Jemgum sind 900 Menschen über 65 Jahre alt, 47 von ihnen leben in der Seniorenwohnanlage in Jemgum. Heikens ist der Meinung, dass die guten familiären Netzwerke von Menschen gerade in dieser Krisensituation helfen könnten, Ausgrenzung zu minimieren. Hildegard Hinderks stimmte ihm zu, verwies aber auf ihre Erfahrung, dass es in diesen Netzwerken auch Lücken gäbe – also Menschen, die nicht in familiäre Strukturen eingebunden sind. Sackarendt betonte in diesem Zusammenhang, dass es auch wichtig sei, Angehörigen von alten Menschen den Rücken zu stärken, damit diese nicht überfordert würden. Eberlei berichtete aus den Erfahrungen der ehrenamtlichen Lebensmittelhilfe in der Gemeinde Jemgum. Dort haben sich schon zahlreiche Gespräche mit alten Menschen ergeben, die praktisch kaum noch über Kontakt zu Mitmenschen verfügen.

Im Fachgespräch wurde auch die Situation in Seniorenheimen angesprochen. Georg Kotmann und Arne Störmer von der Bürgerhilfe e.V. berichteten über die Seniorenanlage „Auf der Wierde“ in Jemgum. Insgesamt sei die Lage entspannt. Aber, so Störmer, Bewohner litten zunehmend darunter, Angehörige nicht sehen zu können. So gäbe es bereits die Möglichkeit zu Skype-Gesprächen. Das stoße aber an Grenzen der Akzeptanz. Deshalb arbeitet die Einrichtung zurzeit an dem Plan, im Außenbereich Besuchspunkte einzurichten, die mit Plexiglasschutz ausgestattet seien. Außerdem sei in dieser Woche ein kleines Konzert im Außenbereich geplant, das Bewohner aus sicherer Distanz verfolgen könnten.

Ratsmitglied Walter Eberlei zog abschließend eine positive Bilanz des Fachgesprächs. Die Beiträge hätten die Probleme aufgezeigt, aber auch praktische Ansätze der Solidarität. Ein Fachgespräch per Videokonferenz sei zwar ungewohnt, aber möglich. Zu befürchten sei, dass es über viele Monate keine öffentlichen Veranstaltungen geben könne. Da seien Videokonferenzen eine Krücke, die man auch für lokale Themen nutzen könne.

Weitere Informationen:

Aktion Helfende Hände des SoVD Niedersachsen